Ich bin müde

Hier finden Sie die Predigt von Pfarrer Markus Schürrer zum 19. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr B. Untenstehend können Sie die PRredigt auch herunterladen oder als Audiodatei anhören.
„Herr Pfarrer, ich bin müde, aber für meine Enkel möchte ich stark sein!“ Die Worte sind mir lange nachgegangen. Die Frau, die ich im Hospiz besucht habe, war unheilbar an Krebs erkrankt. Sie hat nicht nur von einer körperlichen Müdigkeit gesprochen. Das Leben war schlicht und einfach genug für sie. Das, was sie noch am Wachsein, am Lebendigsein erhalten hat, war die Liebe zu ihren Enkeln. Wenige Tage nach meinem Besuch ist sie gestorben.
„Ich bin müde!“ Diese Gedanken gibt es nicht nur am Lebensende. Es geht nicht nur darum, etwas Schlaf nachzuholen. Es gibt so viele innere Müdigkeit, Augenblicke, in denen wir sagen, ich habe genug, weil man sich hilflos fühlt und keine Kraft mehr hat, sich gegen etwas zu wehren. Wo man sagt, ich bin es einfach nur satt. Ich weiß natürlich nicht, was Ihnen Ihre Müdigkeit bereitet. Ich kann nur sagen, was mich müde macht.
o Manchmal bin ich müde, wenn ich beobachte, wie Menschen in Familien miteinander umgehen. Wo ein Fehler nicht mehr verziehen wird und Menschen den Kontakt zueinander abbrechen. Und gerade bei Beerdigungen wird das immer häufiger.
o Ich bin manchmal müde, mitzuerleben, wie sich Menschen, ehren- wie hauptamtliche in ihren Pfarrgemeinden abrackern und das nicht geschätzt oder gesehen wird, und es in der Öffentlichkeit nur um die Skandale geht.
o Genauso müde bin ich übrigens, wenn ich manche Post vom Erzbischöflichen Ordinariat bekomme, mit neuen Arbeitsaufträgen.
o Ich bin müde, wenn ich in unseren Pfarrgemeinden Machtspiele und Kleinkriege zwischen einzelnen Personen mitbekomme. Wo versucht wird, anderen etwas mitzugeben, zu verletzten und am Ende so zu tun, als wäre allein der oder die andere schuld. Um es klar zu sagen: um Glauben geht es da nicht. Auch nicht um Dienen oder Nächstenliebe. Da geht es allein um die Lust am Hetzen, am Streiten, am Spalten, am Sticheln, am eins Reindrücken. Und wenn mich dann genau diese Gemeindemitglieder bedauern und sagen: Mensch, Sie haben so viel zu tun, sagen Sie, wenn wir Ihnen helfen können. Dann liegt mir oft auf der Zunge: am meisten helfen Sie mir, wenn Sie nicht mit anderen streiten. Das ist das eigentliche, das mir den Schlaf raubt, mich erschöpft und mir die Freude am Beruf nimmt.
o Und, wenn ich es heute mal ehrlich sagen darf. Extrem müde bin ich von politischen Streitigkeiten in Gemeinden, egal von welcher Seite und ich sage – egal, wer mit wem Probleme hat. Solange ich Pfarrer bin, in der Seelsorge und in der Kirchengemeinde hat das keine Bedeutung. Als Seelsorger ist es mein Auftrag, auf den Menschen zu schauen, nicht auf Befindlichkeiten. Und ich wäre vermutlich wirklich auch körperlich weniger müde, müsste ich mir da nicht immer die neuesten Geschichten anhören.
Ich weiß nicht, wie Ihre Müdigkeiten heißen. Allen Müdigkeiten ist eine Sache gemeinsam. Sie haben nichts mit ein bisschen Schlafmangel zu tun, sondern mit einem tiefen, inneren Sattsein an manchen Dingen.
Und schwierig wird diese Müdigkeit dort, wo man an satt ist an Dingen, die einen hohen Wert besitzen: satt an der Partnerin oder am Partner, satt am Beruf, satt am Leben.
Wie also umgehen damit? Die Erzählung vom Propheten Elija gibt da zumindest einen kleinen Hinweis. Elijas Geschichte ist eine sehr wechselhafte. Er hat sich mit dem König und vor allem der Königin des Landes –sagen wir mal- angelegt, die ihn verfolgen lässt. Elija flüchtet in die Wüste. Er setzt sich unter einen Strauch und wünscht sich den Tod. Er kann nicht mehr und spricht das auch im Gebet vor Gott aus: „Nun ist es genug, Herr, nimm mein Leben!“ Elija ist müde, er ist es satt, davonzulaufen, er ist lebens-müde, weil er immer wieder Rückschläge erfahren musste. Er ist müde, am Ende. Bis ihm ein Engel Gottes mit Brot und Wasser und den Worten „Steh auf uns iss!“ zum Weitermachen bringt. Ein Motivationsschub, würden wir sagen.
Auf uns übertragen könnte ich mir es jetzt einfach machen und sagen, jeder Gottesdienst, jede Eucharistiefeier, in der wir auch das Brot empfangen, ist ein Motivationsschub weiterzumachen. In diesem Brot spricht Gott uns seine Nähe zu. Macht uns Mut, weiterzumachen und weiterzugehen, trotz aller Müdigkeit, will uns Stärke geben für unseren Lebensweg. Das alles ist richtig und doch ist es leider nicht ganz so einfach. Es braucht noch einen Schritt vorneweg. Nämlich den Schritt, den Elija geht, indem er seine ganze Müdigkeit vor Gott ins Gebet bringt. Er spricht es genau so aus, wie er sich fühlt, ungeschminkt. Schwer zu ertragen. Er wünscht sich den Tod, es ist genug, nimm mein Leben. Er sagt nicht, irgendwie geht es mir heute nicht gut. Er beschönigt nichts, weil er weiß, Gott hält es aus, wenn man ehrlich zu ihm ist. Er weiß es ja sowieso.
Deshalb ist auch für uns der erste Schritt, nach so wenig es auch klingt: unsere Müdigkeit, unser Sattsein, unsere Hilflosigkeit und unser am Ende sein ungeschminkt und offen vor Gott zu benennen. Weil wir es dürfen. Und weil die Erfahrung doch ist, dass es dann vorangehen kann und sich neue Wege auftun, wenn die Dinge erstmal offen auf dem Tisch liegen. Wir zügeln manchmal unsere Gedanken, weil wir meinen, wir dürfen uns anderen Menschen nicht zumuten. Wir machen auf gute Laune, weil wir glauben, dass andere unsere Traurigkeit und unseren Kummer nicht aushalten. Die Elija-Geschichte ist eine Einladung zur Ehrlichkeit, sich einander zuzumuten in seiner Verfassung, wie sie gerade ist. Im Leben ändert sich nichts, wo Menschen sich um die Ehrlichkeit herumdrücken. Zum Guten verändern kann sich nur da etwas, wo Dinge ehrlich, offen und natürlich höflich angesprochen werden und wo man erstmal zuhören kann, ohne gleich wieder ein Urteil zu fällen und sich sofort angegriffen zu fühlen.
Und noch ein Letztes. Müdigkeit ist normal. Kein Mensch kann wie ein Duracell-Hase dauernd auf 180 heiß laufen. Es gibt Augenblicke, da erwischt uns die Müdigkeit und dann hilft nichts anders, als sich mal eine Zeit herauszunehmen und auf Abstand zu gehen. Manchmal aber geht man bei seiner Müdigkeit über Grenzen. Weil man weiß, wozu man es macht. So wie die Frau im Hospiz, die gesagt hat, sie will für ihre Enkelkinder stark sein. Dieses Ziel, wozu man weitermacht und nicht sagt, es ist mir alles egal, dieses Ziel ist es, das manche Müdigkeit überwinden kann. Das, wofür es sich zu leben lohnt. Dieses Ziel ist uns allen bestimmt. Und wenn ich manchmal die Schicksale mancher Menschen sehe, dann kann ich mich manchmal nur darüber wundern, wie schwer sich Menschen das Leben manchmal machen, wieviel Freude da ist am Spaltung und um welche Kleinigkeiten es manchmal geht. Es geht letztlich und allein um das Ziel, den Sinn eines jeden Lebens. Es geht allein um ein gutes Leben, was brauchte s mehr. Und wenn man sagt, ich weiß nicht, was dieses Ziel ist. Dann ist es noch lange kein Grund, seiner Müdigkeit nachzugeben, sondern herauszufinden, was das Ziel ist. Notfalls ein Leben lang. Denn mit einem können wir sicher sein: Gott hat jeden und jede von uns bewusst in diese Welt gesetzt. Und weil wir von Gott wissen, dass er alles gut machen wollte. Hat er auch für unser aller Leben einen guten Plan, für den es sich zu leben lohnt. Ein Leben lang, trotz aller Müdigkeit. Amen.